Lysergsäurediethylamid (LSD)

Entdeckung von LSD durch Albert Hofmann

Albert Hoffmann trat 1929 nach Abschluss seines Chemiestudiums an der Universität Zürich 1929 in das pharmazeutisch-chemische Forschungslaboratorium der Firma Sandoz unter der Leitung von Professor Dr. Arthur Stoll ein. Er wählte diese Arbeitsstätte, weil er die Möglichkeit hatte, mit Naturstoffen zu experimentieren. Nach seiner Arbeit an den herzaktiven Glykosiden aus der Meerzwiebel (Scilla maritima) und dem Fingerhut (Digitalis) wandte er sich 1935 der Arbeit am Mutterkorn zu.

Hoffmann erweckte damit die Arbeit am Mutterkorn wieder zum Leben. Seine erste Aufgabe bestand darin, die therapeutisch nutzbaren Wirkstoffe Ergobasin aus Lysergsäure und Propanolamin partiell zu synthetisieren. Diese Synthese galt als Bestätigung für den Aufbau des Ergobasins und ermöglichte die Umwandlung der im Mutterkorn vorhandenen Alkaloide in das in geringerer Konzentration vorhandene Ergobasin. Seine Forschungen führte Hoffmann in zwei Richtungen weiter; einerseits versuchte er, die medizinischen Eigenschaften des Ergobasins durch Variationen des Aminalkohol-Anteils zu verbessern, andererseits setzte er seine Synthesemethode ein, um neue Lysergsäure-Verbindungen zu gewinnen. Dabei stand nicht mehr die blutstillende Wirkung auf die Gebärmutter im Vordergrund, sondern die aufgrund der chemischen Struktur vorhersagbaren pharmakologischen Effekte.

Die 25. Substanz in der Reihe der synthetischen Lysergsäure-Verbindungen, das Lysergsäurediethylamid, abgekürzt LSD-25, wurde von Albert Hoffmann 1938 zum ersten Mal synthetisiert. Er hatte beabsichtigt, mit dieser Substanz ein Mittel zu entwickeln, das auf Atmung und Kreislauf wirkt. Diese Wirkung wurde von ihm vorhergesagt, da es dem schon bekannten Nicotinsäurediethylamid chemisch sehr nahe steht.

Bei der Prüfung von LSD-25 in der pharmakologischen Abteilung von Sandoz wurde eine starke Wirkung auf die Gebärmutter festgestellt, außerdem bemerkte der Leiter der Abteilung, dass die Versuchstiere während der Narkose sehr unruhig waren. Die Substanz erschien pharmakologisch uninteressant, weitere Prüfungen wurden unterlassen und es wurde nicht weiter erforscht.

Nach erfolgreicher Arbeit an anderen Lysergsäure-Abkömmlingen wiederholte Albert Hoffmann 1943 die Synthese von LSD-25, es handelte sich um einige Zehntelgramm der reinen Verbindung. In der Schlussphase der Synthese, bei der Reinigung und Kristallisation des Lysergsäurediethylamids wurde Albert Hoffmann durch ungewöhnliche Empfindungen gestört. Einem Bericht an den Institutsleiter Professor Dr. Stoll ist die von Albert Hoffmann am eigenen Leib erlebte halluzinogene Wirkung von LSD-25 zu entnehmen: "...musste ich mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußert rege Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – wirkten dagegen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach zwei Stunden verflüchtigte sich der Zustand."

Er war der erste Mensch, der einen LSD-Rausch erlebte und vermutete sofort einen Zusammenhang zwischen LSD-25 und den für ihn merkwürdigen und vorerst unerklärlichen Symptomen. Hoffmann konnte sich nicht vorstellen, wie die Substanz in seinen Körper gelangen konnte, da er sauberes Arbeiten mit den hochgiftigen Mutterkornsubstanzen gewohnt war. Er schloss daraus, dass die Substanz schon in kleinsten Mengen hochwirksam sein musste.

Hoffmann entschloss sich daraufhin zu einem zweiten, diesmal beabsichtigten Selbstversuch. Er wollte mit der, verglichen mit der Wirksamkeit der anderen aus dem Mutterkorn extrahierten Substanzen, kleinsten Menge beginnen. Er entschloss sich dazu, mit 0,25mg LSD-25 zu beginnen. Den letzten Eintrag in sein Protokoll konnte er nur noch mit Mühe vornehmen, die Wirkungen waren wie bei seiner letzten Exposition, jedoch von größerer Intensität. Das erste einleitende Zitat vor dem Inhaltsverzeichnis greift auf die bei diesem Versuch von Hoffmann gemachten Erfahrungen zurück. Die extreme Wirkung von LSD bei diesem Selbstversuch zeigte, dass es sich bei Lysergsäurediethylamid (LSD-25) tatsächlich um einen hochwirksamen psychoaktiven Stoff handelte. Hoffmann selbst war noch keine andere Substanz bekannt, die in so geringer Dosierung solch dramatische Veränderungen des Bewusstseins hervorrief. Und bis heute gibt es keine andere, in ähnlicher Weise wirkende stärkere Substanz.

Hoffmann war sich im klaren darüber, dass dieser neuentdeckte Stoff insbesondere in der Psychiatrie, aber auch in der Pharmakologie und in der Neurologie von hohem Nutzen sein müsse. Er war sich jedoch nicht darüber bewusst, dass LSD sich auch außerhalb des medizinischen Bereichs, bei sogenannten "Laiengruppen" und in der Drogenszene etablieren sollte.

Professor Rothlin, der Leiter der pharmakologischen Abteilung und zwei seiner Mitarbeiter waren die ersten, die einen weiteren Selbstversuch mit LSD-25 vornahmen. Sie verwendeten nur ein Drittel der von Hoffmann exponierten Menge und trotzdem war die Wirkung ebenso stark, jedoch von kürzerer Dauer. Alle möglichen Zweifel an der Wirksamkeit von Lysergsäurediethylamid waren damit aus der Welt geschafft.

 

Vom Heilmittel zur Rauschdroge

Albert Hoffmann nennt sein Buch über seine bahnbrechendste Entdeckung im Laufe seiner Karriere nicht ohne Grund "LSD – Mein Sorgenkind". Dieser mit einem negativen Beigeschmack versehene Titel ist zurückzuführen auf den in den sechziger Jahren immer weiter zunehmendenden Missbrauch von LSD zu nichtmedizinischen Zwecken und den damit verbundenen (tragischen) Unglücken. Er war der Ansicht, dass Geisteswissenschaftler, Künstler und Schriftsteller sich für LSD interessieren würden, er erwartete jedoch nicht, dass LSD in "Laiengruppen" Anwendung finden würde. Und tatsächlich wurden zuerst LSD-Sitzungen in eben genannten Kreisen durchgeführt. 1968 (USA) bzw.1969 (BRD) wurden Bildbände mit dem Titel "psychedelische Kunst" ("psychedelic art") publiziert. Diese meist farbenfrohen, mit einem hohen Maße an Formen versehenen Bilder sind als Psychogramm der berauschten Personen zu verstehen. Der sich rasch verbreitende Rauschgiftkonsum, der in den fünfziger Jahren rasch zunahm, war nicht nur auf die Entdeckung von LSD zurückzuführen, sondern auch auf die soziologische und gesellschaftliche Situation der damaligen Zeit. Durch Berichte über die Erfahrungen mit LSD in viel gelesenen Zeitschriften und Zeitungen wuchs die Popularität von LSD schnell ins nahezu Unendliche. Der stetig zunehmende nichtmedizinische Konsum von LSD war ebenfalls darauf zurückzuführen, dass in den gesetzlichen Bestimmungen LSD (noch) nicht als Rauschgift angesehen wurde (vgl. VII). Ebenfalls erloschen 1963 die Patente für die alleinige Herstellung von LSD, die bis dahin Sandoz innehatte und damit die Kontrolle über die Herstellung von LSD besaß. Für die Angestellten der pharmakologischen Abteilung von Sandoz wurde LSD bald zu einem Hinderungsgrund bei ihrer normalen Arbeit. Sie erhielten Anfragen aus aller Welt; wie LSD zu bestimmen sei, ob ein bestimmter Unglücksfall auf LSD-Konsum zurückzuführen sei und viele weitere Anfragen.

1964-1966 herrschte eine wahre LSD-Hysterie, die Popularität war hoch, es wurde nahezu pausenlos über ungewöhnliche Erfahrungen und Unglücksfälle (Mord, Selbstmord) in Verbindung mit LSD berichtet. Im April 1966 sperrte Sandoz die weltweite Abgabe zu Forschungszwecken (vgl. VI.C.1). Erst als in vielen Staaten strenge Bestimmungen über Besitz, Verteilung und Verwendung von LSD erlassen worden waren, wurde LSD-25 wieder an verschiedene Untersuchungsstellen unter strenger Kontrolle ausgegeben.

Die Popularität von LSD hat im Laufe der Jahre wieder abgenommen, einerseits wurden die Rauschgiftbesitzer vertrauter und vorsichtiger und die Anzahl der Unglücksfälle verringerte sich dramatisch. Andererseits behielt LSD nicht die Rolle des am meist genutzten Rauschmittels, diese erlangten Haschisch, Heroin, Kokain und Amphetamin.

 

Struktur und allgemeine chemische Eigenschaften

Lysergsäurediethylamid (LSD) ist eine organische Substanz. LSD besteht aus einem aromatischen Dreiringsystem, der Lysergsäure, und gesättigtem Diethylamin. Es ist ein Alkaloid des Mutterkorns (Claviceps purpurea). Die Summenformel beträgt C18H20N2O2 (Struktur vgl. Abbildung) und hat damit eine Molare Masse von 296 Atommassen. Das Molekül ist unpolar und hat daher trotz seiner hohen Atommasse einen niedrigen Schmelzpunkt (83°C) und Siedepunkt von 198-200°C.

Aufgrund der unpolaren Eigenschaften ist LSD hydrophob bzw. lipophil. Es löst sich demnach gut in organischen Lösungsmitteln und Fetten, in Wasser folgerichtig kaum.

LSD wird durch Erwärmung und UV-Strahlung (z.B. im Sonnenlicht) zersetzt, außerdem verbindet es sich schnell mit Sauerstoff. Es ist daher in normaler Umgebung ein unbeständiger Stoff.

 

Medizinische (legale) Nutzung

LSD sollte, nachdem man seine starke Wirkung erkannt hatte und es schon an Menschen getestet wurde, zur Unterstützung der Psychotherapie an Patienten dienen. LSD eröffnet aus der psychotherapeutischen Sicht einen breiten Zugang zum Unterbewusstsein des Menschen. Entweder soll es unerträgliche Spannungen in der Psyche des Menschen offenbaren und die Ursachen verschiedener Symptome (Depressionen, psychosomatische Schmerzen) offenbaren. Während des Rauschzustandes lassen sich diese Ursachen offenbaren, was über die Ideen der klassischen Psychoanalyse mit der Deutung von Träumen und freien Einfällen hinausgeht. Die zu analysierenden Eindrücke treten bildhaft während des LSD-Rausches in das Bewusstsein des Patienten. Diese Bilder können den Patienten erschrecken und/oder ggf. persönlich weiterbringen. Starre Ideen können durch die erlebten Halluzinationen aufgelöst werden und dem Menschen eine neue Selbstverständlichkeit von sich selbst bringen. Die psychedelische Erfahrung ist in der Lage, die bei einer Neurose ungünstigen, bedingten Reflexe auszulöschen. Eine Gefahr birgt die Behandlung jedoch auch: Wenn der Patient von der Wirksamkeit der Droge zu überzeugt ist, gewinnt er den Eindruck, er müsse nichts zum Therapieerfolg beisteuern und die Droge würde das für ihn erledigen. Diese Idee bildet ein gewisses Gefahrenpotential, dass sich während des Rauschzustandes entladen kann. Der Patient reagiert dann mit Angst, Panik oder einer längeren Psychose, falls unbewusstes Material oder völlig neue Eindrücke über ihn hereinbrechen. Solche Fälle waren zwar selten, jedoch warfen sie die Frage auf, ob die potentielle Gefahr nicht größer als der Nutzen wäre.

In einer Fragebogenstudie, in der ca. 25000 Experimenten an 5000 Patienten ausgewertet werden kommt Sydney Cohen zu dem Ergebnis, dass einer von 550 Patienten eine länger andauernde Psychose davongetragen hatte. Selbstmordversuche traten bei einem von 830 Patienten auf und vollzogene Selbstmorde bei einem von 2500 Patienten. Diese Zahl wiegt jedoch relativ schwer. Die hier genannten Zahlen beziehen sich auf Experimente mit ärztlicher Überwachung – bei illegaler Nutzung ist das Gefahrenpotential weit höher (vgl. VI.C.3)! Folgende Schlüsse sind aus dieser Betrachtung zu ziehen:

 

  1. Die Erfahrungen, die während eines LSD-Rausches gemacht wurden, sind nur dann therapeutisch von Nutzen, wenn der Patient sorgfältig überwacht wird, Therapeut und Patient einander kennen und eine Vertrauensbasis besteht. Eine Nachbesprechung des Erlebten und eine Einordnung in die Persönlichkeit des Patienten ist für den Erfolg der Therapie unerlässlich.
  2. Geisteskranke und Patienten, die Grenzfälle zur Geisteskrankheit darstellen, gesundete Geisteskranke sowie depressiv oder paranoid veranlagte Patienten sind von der Benutzung von LSD auszuschließen.
  3. Ebenfalls sind Patienten auszuschließen, bei denen ein Gefahrenpotential zur psychischen Gewöhnung an LSD besteht.
  4. Resultate der Forschungen sprechen gegen eine Beschleunigung des Neulernens in der Psychotherapie durch LSD. Dennoch fördert es die Einsicht in die eigene Krankheit und den persönlichen Wunsch zur Änderung.
  5. Der Therapeut sollte die LSD-Effekte aus eigener Erfahrung (Selbstversuch) kennen.

Studien über die Wirksamkeit von LSD als therapeutisches Mittel, welche von Anhängern des Psychedelismus angefertigt wurden, weisen eklatante wissenschaftliche Mängel auf. Meistens sind diese methodischer Art und so gravierend, dass die tatsächliche Aussagekraft angezweifelt werden kann. Die Ausschlachtung durch die Medien verschafften LSD einen Ruf, den es Psychotherapeuten unmöglich machte, LSD einzusetzen, ohne Ansehen, wissenschaftliche Anerkennung und ihre Patienten zu verlieren.

Nachdem die Popularität von LSD bis heute immer weiter abgenommen hat und die Erinnerung an die "Schauermärchen" langsam verblasst, wagen sich Wissenschaftler wieder an die Forschung mit Hilfe von LSD. Es werden auch neue Forschungsgebiete aufgetan: Psychische Krankheitsbilder sollen sinnlich und biochemisch nachvollzogen werden, es sollen Erkenntnisse über die Wirkung von Drogen und über die Funktion des menschlichen Gehirns gewonnen werden. Des weiteren soll (wieder) die Möglichkeit zum therapeutischen Einsatz an psychisch Kranken erforscht werden. Durch die rasante Entwicklung der Technik lassen sich Wirkmechanismen besser erkennen und deuten. In Deutschland ist bisher nur der Pharmakologieprofessor Karl-Arthur Kovar in Besitz einer Erlaubnis von der Bundesopiumstelle, Halluzinogene selbst herstellen zu dürfen.

Ein bedeutendes Beispiel für einen gelungenen Einsatz von LSD ist der israelische Schriftsteller Yehiel De-Nur, er war ein Häftling des Konzentrationslagers in Auschwitz. Noch dreißig Jahre nach seiner Befreiung wurde er von grausamsten Vorstellungen verfolgt, auch eine Psychotherapie brachte ihm keine Befreiung. Erst eine Therapie mit LSD-Unterstützung brachte Abhilfe. Sein Buch "Ich bin der SS-Mann" ist das Protokoll seiner Seelenreise.

 

Folgerungen

Nachdem der schlechte Ruf von LSD in den sechziger und siebziger Jahren es den Forschern und Ärzten unmöglich gemacht hatte, LSD ohne gesellschaftlichen Schaden zu nehmen, einzusetzen, hat sich die Lage bis heute wieder entspannt.

Die heutige Forschung beschäftigt sich weiterhin mit der Behandlung von Geisteskrankheiten, jedoch wird vor allem auch zur Ergründung neurologischer Prozesse und deren Bedeutung und zur Erforschung des Gehirns verwendet. Dieser Forschungsbereich hat sich mit der rasanten Weiterentwicklung der Technik neu eröffnet. Gerade dabei ist auch die von mir durchgeführte Bearbeitungsweise, die einfachsten Vorgänge zwischen Neuronen und Verhaltensweisen zu verknüpfen, wahrscheinlich von Nutzen. LSD scheint daher meiner Meinung nach ein potentes Hilfsmittel zur Erforschung des Gehirnes zu sein.

Eine Gefahr ist jedoch immer noch nicht gebannt: Wenn man LSD an Patienten einsetzten will, besteht immer noch die Gefahr einer unerwünschten psychologischen Nebenwirkung, die möglicherweise das Leben der Patienten gefährden könnte. Vermutlich ist es ein Hilfsmittel zur Erforschung psychischer Schäden, jedoch muss der Patient sorgfältig ausgewählt werden. Während der Behandlung muss dieser unbedingt überwacht und betreut werden. Man sollte sich vor einem Einsatz noch einmal genauestens fragen, ob ein wirklicher, positiver Effekt zu erzielen ist.

 

Quelle: https://www.thunemann.de/martin/lsd/index.html